Die Männlichkeit des Geldes überwinden

Die Männlichkeit des Geldes überwinden

Auszug aus Mara Harvey »Women and Risk«, Seite 15–24

Es gibt wachsende Belege für die Vorteile, wenn Unternehmen quer durch die Branchen und Sektoren verstärkt Frauen einbeziehen und für mehr Vielfalt sorgen. Eine McKinsey-Studie zeigte schon 2007, dass Unternehmen, die auf Geschlechterparität setzen, bei den Geschäftsergebnissen um durchschnittlich 15 Prozent besser als die Konkurrenz abschneiden, weil Frauen häufiger als Männer Führungsqualitäten zeigen, die die organisatorische Leistung verbessern. Heute sind die geschätzten Auswirkungen sogar noch größer. Dies gilt nicht nur für etablierte Institutionen, sondern auch für Unternehmen in der Frühphase. Diejenigen mit gemischten Mitarbeitern und/oder weiblicher Führung sind besonders leistungsstark. Der US-Risikokapitalgeber First Round Capital hat Hunderte Start-up-Unternehmen finanziert. Wie sein Bericht von 2015 aufzeigte, schnitten in seinem Portfolio von Frauen gegründete Unternehmen um 63 Prozent besser ab als die der Männer. Dieser erwiesene Nutzen spiegelt sich allerdings nicht in gleichwertigen Kapitalflüssen wider, wenn es darum geht, Unternehmen in der Frühphase zu finanzieren. In den meisten Ländern liegen die von Frauen gegründeten Unternehmen immer noch hinter denen der Männer.

Dieser ungleiche Zugang zu Kapital hat komplexe Ursachen, die einzeln oder im Verbund wirken:

- Weniger Frauen als Männer bewerben sich um Start-up-Kapital.

- Wenn sich Gründerinnen an männliche Risikokapitalgeber wenden, können unbewusste Vorurteile eine Rolle spielen, wie sie auch in der Einstellungspraxis bei rein männlichen Gremien zu beobachten sind. Und da nur 7 Prozent der Toppartner von VC-Unternehmen Frauen sind, stehen die Chancen einer Unternehmerin nur 1 zu 10, dass sie es mit einem paritätisch besetzten Anlageausschuss zu tun hat.

- Unbewusste Vorurteile können nicht nur gegen die Gründerin, sondern auch gegen ihr Geschäftsmodell sprechen, wenn es sich um Produkte oder Dienstleistungen für Frauen oder um Angebote handelt, mit denen sich Männer schwer identifizieren.

- Unternehmerinnen sind in den vorherrschend männlichen Netzwerken von Risikokapitalgebern eher ungewohnt, haben zu ihnen schwer Zugang und finden sich in ihnen schwer zurecht.

- Gründerinnen stellen eher bedarfsgerechte Anfragen, während Männer fordernder auftreten.

- Frauen werden eher nach Leistung, Männer eher nach Potenzial beurteilt. Die gleiche Tendenz, die Laufbahnen in Unternehmen beeinflusst, kommt offenbar auch auf sämtlichen Ebenen der Finanzierung von Frauen zum Tragen, vom Startkapital bis zum Risikokapital in der Früh- und Spätphase.

»Frauen werden eher nach Leistung, Männer eher nach Potenzial beurteilt.«

Eine eingehendere Analyse der Grundursachen hat gezeigt, wie allgegenwärtig Voreingenommenheiten in der Finanzwelt wirken: Männliche wie weibliche Risikokapitalgeber neigen dazu, Unternehmer je nach deren Geschlecht jeweils mit unterschiedlichen Fragen zu konfrontieren, wenn sie die betreffenden Geschäftsmodelle beurteilen. Forschungen zeigten, dass Risikokapitalgeber Männern »eher Fragen nach den Gewinnpotenzialen (fördernde Fragen) und Frauen eher nach möglichen Verlusten (präventive Fragen) stellen«. Wie die Auswertung ergab, richteten sich über zwei Drittel der Fragen an Männer auf Hoffnungen und Ideale, positive Geschäftsaussichten wie Kundenakquise, erwartete Verkaufszahlen, Marktwachstum, Ausblicke und Erwartungen. Dagegen drückten über zwei Drittel der Fragen an Frauen Besorgnisse wegen der Absicherung und Solidität ihres generellen Plans aus und zielten darauf ab, wie Kunden gebunden, Gewinnschwellen erreicht, Marktbereiche verteidigt, Cashflows stabilisiert und Qualitäten gesichert werden. Diese grundverschiedenen Stoßrichtungen bei der Bewertung von Geschäftsaussichten erbrachten auch deutlich unterschiedliche Ergebnissen bei der Kreditvergabe: »Die vorherrschend präventiven Fragen erklärten vollauf die Beziehung zwischen dem Geschlecht des Unternehmers und der Kapitalausstattung des Start-ups« – mit dem Ergebnis, dass Unternehmer, die vornehmlich präventive Fragen gestellt bekamen, nur ein Siebtel so viel Kapital wie die anderen zugeteilt bekamen.

Dieser erste Nachweis zeigt folglich auf, welch große Rolle Formulierungsweisen für die Gleichstellung der Geschlechter in der Finanzwelt spielen: Ein geschlechtsspezifischer Diskurs stellt an sich schon ein Risiko dar für Frauen, die Zugang zu Kapital brauchen. Eine Frage positiv anstatt mit Vorbehalten zu formulieren, macht bei der Zuteilung von Kapital an weiblich geführte Unternehmen einen himmelweiten Unterschied.

Ähnlich untersuchten Studien in Schweden, das sich bekanntlich an vorderster Front um Gleichstellung bemüht, eingehend die Ausdrücke, die auf Sitzungen zur staatlichen VC-Vergabe (mit 5 Männern und 2 Frauen) verwendet wurden, um weibliche und männliche Unternehmer im Verlauf von 125 Kreditvergabeentscheidungen (mit einem Fünftel weiblicher Antragsteller) zu beschreiben. Die Ergebnisse sind nicht weniger schockierend als die oben genannten: »Die Kapitalgeber gebrauchen in ihrer Rhetorik stereotype Bilder, die Frauen mit dem Gegenteil von den Eigenschaften darstellen, die für Unternehmer als wichtig gelten […], mit VC-Fragen, die ihre Glaubwürdigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Erfahrung und Fachkenntnisse infrage stellten.« Dagegen wurden »männliche Unternehmer gewöhnlich als durchsetzungsfähig, innovativ, kompetent, erfahren, sachkundig und als mit selbst aufgebauten Netzwerken ausgestattet« dargestellt. Im Ergebnis ergatterten Frauen im Durchschnitt 25 Prozent des beantragten Kapitals, während Männer über 52 Prozent einstrichen. Und über 52 Prozent der Frauen kassierten eine Absage, gegenüber nur vier von zehn Männern.

All dies deutet darauf hin, dass Geld immer noch sehr männlich konnotiert ist. Männer gelten als geeigneter fürs Geldverdienen. Dieses Vorurteil grassiert weitverbreitet in der Finanzindustrie mit Auswirkungen, die bis weit über die Hindernisse und Risiken hinausreichen, denen Unternehmerinnen bei der Beschaffung von Start-up-Kapital ausgesetzt sind. Ein ganz ähnliches, aber noch akuteres Problem stellt für Frauen die hartnäckige Vorstellung dar, dass der Umgang mit Geld Männersache sei. Wo kommen diese Vorurteile zum Vorschein und wie lassen sie sich überwinden?

Der Sprachgebrauch ist wichtig: Vorurteilsgeladene Botschaften über Geld verzerren die Wahrnehmungen vom Geld

Oft sind es die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, die uns den Weg versperren. Geschichten bestehen aus Worten, die je nachdem, wie wir sie interpretieren, Hürden auf dem Weg zur Gleichstellung erhöhen oder abbauen können. Frauen bekommen, wie gezeigt, andere Fragen als Männer gestellt, wenn ihre Geschäftsmodelle bewertet werden, was die hartnäckige Vorstellung widerspiegelt, dass Männer in der Geschäftswelt erfolgreicher seien. Bei den Ursachen, warum die Finanzwelt Frauen im Umgang mit Geld weniger zutraut, zeigte sich auch, dass dabei ein bestimmter Sprachgebrauch eine Rolle spielt. Dieser prägt mit, wie leicht Frauen zur Finanzindustrie insgesamt Zugang finden, und beeinflusst deren Teilhabe an der Wirtschaft als Ganzes.

»Geld muss geschlechtsneutral konnotiert sein und zu einem Thema werden, über das unaufgeregt, objektiv und konstruktiv geredet wird, egal ob es Frauen oder Männer betrifft.«

Die Starling Bank untersuchte jüngst Stereotypen in den Medien zu Botschaften über Geld – mit überraschenden und höchst aufschlussreichen Ergebnissen: Von den über 300 ausgewerteten Medienartikeln über Geld stellen die meisten, die in Frauenzeitschriften erschienen waren, Frauen als verschwenderisch dar und ermuntern sie fast durchweg zum Sparen und zu Einschränkungen. Dagegen erhoben in den Männermagazinen die meisten Artikel das Geldverdienen zu einem männlichen Ideal mit einer Sprache, die unterschwellig Ängste weckte: Geldverdienen macht den Mann männlicher. Diese gegensätzlichen Darstellungen sind alarmierend. »Beide Geschlechter werden kategorisiert durch den alltäglichen Sexismus in der Sprache […], den wir überwinden müssen, wenn wir jemals echte Fortschritte sehen wollen, um die Lohn-, Investitions- oder Vertrauenslücke zwischen den Geschlechtern zu schließen.« Geld muss geschlechtsneutral konnotiert sein und zu einem Thema werden, über das unaufgeregt, objektiv und konstruktiv geredet wird, egal ob es Frauen oder Männer betrifft.

Und dann ist da noch die unheilvolle Hürde des Finanzjargons. Die Finanzbranche hat die Kunst perfektioniert, sich eine eigene Sprache und einen engen Kreis von Personen zu schaffen, die sie beherrschen. Ein Jargon richtet unnötige Barrieren auf, weil er beeinflusst, wie Menschen ihr eigenes Finanzwissen und damit auch finanzielle Risiken wahrnehmen. Er hindert zahlreiche Frauen daran, sich stärker mit Geldanlagen zu befassen, und stellt so ein konkretes Risiko dar, wenn es um die Bildung und Vermehrung von Vermögen geht. Der Finanzjargon entstand in einer Welt der noch rein physischen Aktienmärkte, in der die Händler ihre Aufträge laut, schnell und deutlich herausschreien mussten, um sich in der Kakofonie der anderen Börsenmakler Gehör zu verschaffen. Heute ist er in Gesprächen über Geld nicht nur überflüssig geworden, sondern muss sogar verschwinden, damit all jene einbezogen werden können, die ihr Finanzwissen als ausreichend ansehen, um ihr Geld richtig anzulegen. Mir gegenüber hat eine besonders vermögende Frau das Problem so auf den Punkt gebracht: »Es geht um mein Geld, geben Sie mir nicht das Gefühl, dass ich dumm sei.«

Der Sprachgebrauch und kulturell verankerte Botschaften verfestigen irrige Stereotype und erhöhen die Barrieren, sich mit Finanzen auseinanderzusetzen. Auf ein Beispiel stößt man über die Jahre immer wieder: Geldanlagen am Aktienmarkt gelten als Zocken. Jeder, der nicht zum Gang ins Kasino neigt und nicht bereit ist, sein Geld im Poker aufs Spiel zu setzen, wird riskantere Anlagen scheuen, solange vom »Spielgeld« die Rede ist.

Dieser Vergleich ist leider nicht nur völlig unpassend, sondern wirkt auch abschreckend. Er erweist nicht nur der Finanzindustrie einen Bärendienst, weil hinter Anlagestrategien eine Wissenschaft steht, sondern hält auch viele, insbesondere Frauen, davon ab, Aktienkäufe auch nur zu erwägen, noch bevor ein richtiges Beratungsgespräch über Geldanlagen und deren langfristige Nutzen stattgefunden hat. Viele identifizieren sich nicht mit Spielerinnen und kommen so gar nicht auf den Gedanken, in einer »Seitentasche« ihres Portfolios »Spielgeld« zu parken. Dabei hat Geldanlegen mit dem Gang ins Kasino wenig oder gar nichts außer einem gewissen Risiko gemein, dass man seinen gesamten Einsatz verlieren kann. Dieses Risiko ist beim Anlegen deutlich geringer als beim tatsächlichen Spiel am Roulettetisch. Und Geldanlegen funktioniert auch nicht so, dass man ein Blatt Papier mit börsennotierten Aktien an der Wand aufhängt und durch den Wurf von Dartpfeilen entscheidet, in welche man investiert. Zum Glück sind die Chancen, am Aktienmarkt Geld zu verdienen, um Welten größer, wenn man diszipliniert vorgeht und konsequent auf Risikostreuung setzt.

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Um von maskulinen Botschaften über Geld und von Vorstellungen abzurücken, die Gendergaps vergrößern, müssen sich der Sprachgebrauch und der Tonfall in den Medien und der Finanzbranche grundlegend ändern. Vorbei sind die Zeiten, in denen Frauen sich unwohl fühlen oder Scheu haben mussten, Fragen zu stellen, wenn der Jargon unverständlich und die Erläuterungen nebulös oder überaus kompliziert waren. Tatsächlich äußern viele Männer ebenfalls Verärgerung über den Finanzjargon. Auch ihnen ist unwohl dabei, Erklärungen zu verlangen, und sie bluffen lieber, als zuzugeben, dass sie nur Bahnhof verstanden haben. Auch die Männer in der Finanzbranche werden davon profitieren, wenn Frauen an Einfluss gewinnen.

Wo sind all die weiblichen Vorbilder geblieben?

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