Erinnerung kann quälend sein

Erinnerung kann quälend sein

Auszug aus Matthias Katsch »Damit es aufhört«, Seite 7–21

Namen, Orte, Zeiten, die du verzweifelt versuchst heraufzubeschwören, wollen nicht aus dem Nebel heraustreten. So sehr du dich bemühst, sie herbeizuzwingen – immer wieder entgleiten dir die Fetzen. Anderes würdest du nur zu gerne vergessen, aber es klebt im Gedächtnis fest, verstopft alle Ausgänge, lässt dir keine Wahl, als immer wieder darüber zu stolpern.

Dann wiederum gibt es für ein und dasselbe Ereignis verschiedene Varianten, und wenn jemand die eine oder die andere davon bestätigte, wäre ich mir meiner eigenen Erinnerung sicherer.

Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich den Spielfilm zum ersten Mal sah. Es war zugleich das letzte Mal, dass ich ihn von Anfang bis Ende ertragen habe. Denn ich war nicht auf die Wirkung vorbereitet.

Das Lexikon des Films sagt mir, dass Sleepers 1996 herauskam. Aber heißt das auch, dass er in diesem Jahr in Deutschland in die Kinos kam? Und in welchem Kino habe ich ihn gesehen, in welcher Stadt? In Halle an der Saale, wo ich arbeitete, oder in München, wo ich während des Studiums lebte, oder in Berlin, wo ich geboren bin und meine Eltern und der Großteil der Familie zu Hause sind? Ich weiß es nicht mehr.

War es im Fernsehen und ich saß gar nicht im Kinosessel, während ich in Tränen ausbrach? Sondern zu Hause auf der Couch? Aber wurde der Film überhaupt schon so früh nach dem Kinostart im Fernsehen gezeigt?

Ich weiß nur, dass ich allein war – zu meiner Erleichterung. Sonst hätte ich jemandem erklären müssen, weshalb mich das Schicksal der Protagonisten so tief erschütterte. Doch das wusste ich selbst nicht. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich keinen Zusammenhang mehr herstellen zu jenen Ereignissen meiner Kindheit und Jugend, die mich im Griff hatten, ohne dass ich es wusste. Der Zugang dorthin war verschüttet.

Erinnerungen, die keinen festen Anker im Gedächtnis haben, kein unumstößliches Datum, kein Faktum, das nicht infrage gestellt werden kann, weil es ein Bild gibt, einen Kalendereintrag oder die Bestätigung durch eine dritte Person – solche Erinnerungen erscheinen formlos und undurchdringlich wie dichter Nebel.

Ab und zu blitzen daraus einzelne Szenen auf, von denen sich aber oft nicht sicher sagen lässt, was davon aus erster Hand erinnert ist oder was später von anderen erzählt wurde, so dass nur diese Erzählung im Gedächtnis behalten wurde. Ist das meine eigene Erinnerung, wie ich mich mit dreieinhalb Jahren auf dem ersten Flug von West-Berlin nach Frankfurt am Main erbrach? Oder erinnere ich mich nur daran, wie meine Mutter die Szene später erzählt hat, und die vermeintliche Erinnerung ist nur ein Ergebnis kindlicher Fantasie, mit der ich zu irgendeinem späteren Zeitpunkt meiner Kindheit das Ereignis für mich bebilderte? Über den Besuch im Sommer 1966 selbst gibt es keinen Zweifel, es gibt Bilder, die mich als Knirps mit einem viel zu großen Fußball bei meiner Tante und ihrer Familie in der Wetterau zeigt. Zu fliegen war vor dem Transitabkommen von 1972 der einzig sichere Weg nach Westdeutschland. Meine Mutter war kurz vor dem Mauerbau aus dem Ostteil in den Westen der Stadt geflohen.

Manchmal hat sich im Gedächtnis nicht mehr als ein flüchtiger Eindruck erhalten. Ein winziger Ausschnitt, vergleichbar einem Frame aus einem Film. Was davor oder danach war, ist nicht mehr zu sehen, die Szene selbst ist daher völlig unbestimmt, aber es gibt da diese Stimmung, mehr noch ein Gefühl, manchmal eine Farbe oder einen Geruch. Dennoch kann sich mit so einem Fetzen Erinnerung ein sicheres Wissen verbinden, eine Überzeugung, dass es so und nur so gewesen sei.

Wir waren 1968 im Mai in Mamaia in Rumänien am Schwarzen Meer. Dafür gibt es Belege, ich habe die Fotos und den Urlaubsfilm oft gesehen. Aber die erste Begegnung mit dem Meer, die Wellen, die mir gigantisch hoch erschienen, der warme Sand der Dünen, das Licht, das sind eigene Erinnerungen, die wiederum ohne die äußeren Fakten unbestimmbar wären, zeitlos. Mithilfe solcher Eindrücke kann ich, wie die meisten Menschen, eine schlüssige Erzählung meiner Kindheit und Jugend geben, aber ich könnte nicht beweisen, dass es so und so war, außer die äußere Wirklichkeit steht mir mit feststehenden Fakten zur Seite. So weiß ich, dass wir unseren ersten Farbfernseher zu den Olympischen Spielen 1972 bekamen, in dem wir die Triumphe von Ulrike Meyfarth ebenso sahen wie den Schrecken des Terrorangriffs auf das Olympische Dorf, nachdem ich mittags aus der Schule nach Hause gekommen war, ich war damals in der dritten Klasse. Ich schaue mir alte Schulzeugnisse an, und wüsste ich nicht, dass es meine sind, würde ich nichts damit verbinden. Stattdessen unscharfe Gesichter, kurze Szenen, Lehrer, deren Namen ich vergessen habe, außer den von Herrn Nalewalski, der auf die wiederholte Schülerfrage, warum man etwas nicht auch anders machen könnte als vom Lehrer erklärt, zu antworten pflegte: »Kann man machen, man kann sich aber auch ein Loch in die Kniescheibe bohren und warme Milch reingießen.«

So verhält es sich mit den meisten Erinnerungen an jahrzehntealte Ereignisse, sie sind unscharf und unklar, sie sind Teil eines Erinnerungsflusses, aber merkwürdig unpräzise. Erst in der Erzählung werden sie lebendig. Nicht immer ist logisch, weshalb sich genau diese Information eingeprägt hat, obwohl sie unwichtig ist, die wirklich wichtigen Fakten sich aber später nicht mehr ohne äußere Hilfe rekonstruieren lassen.

Doch diese Erinnerungen sind anders.

Ich sah den Film also irgendwann 1996 oder 1997, vielleicht sogar 1998. Später kann es nicht gewesen sein, weil sich im darauffolgenden Jahr mein Leben beruflich und privat veränderte und ich nicht allein ins Kino gegangen wäre oder spät vor dem Fernseher gesessen hätte, um mir den Film anzusehen. Es war dunkel um mich herum, und ich war allein. Das weiß ich sicher. Und dass ich geweint habe, unkontrollierbar, leise.

Sleepers beschreibt das Schicksal von vier New Yorker Jungen, die in den fünfziger Jahren in einem Arbeiterviertel in Manhattan aufwachsen, durch einen dummen Jungenstreich in einer »Besserungsanstalt« landen und dort von sadistischen Aufsehern gequält und vergewaltigt werden. Der junge Brad Pitt spielt mit, ebenso Robert de Niro.

Die Szenen, in denen die Gewalt mehr angedeutet als gezeigt wird, habe ich sofort wieder »vergessen«. Davon sind nur schattenhafte Eindrücke haften geblieben. Dann macht die Erzählung einen Sprung. Jahre später in einer schummrigen Bar: Zwei Männer sitzen an einem Tisch und schauen sich nach einem einzelnen Mann um, der abseits einsam seinen Drink nimmt. Sie stehen auf, sprechen den Mann kurz an, vergewissern sich, wie er heißt, und erschießen ihn.

Bei den Tätern handelt es sich um zwei der vier Jugendfreunde. Sie waren als Jungen in jener Anstalt von dem Mann gequält worden. Den Rest des Films kämpfen ihre Freunde vor Gericht um Freispruch für die Täter. Die Grausamkeiten, denen die vier in der Anstalt ausgesetzt waren, werden dabei weiter enthüllt. Während die Täter nach der Gewalterfahrung in ihrer Jugend nun als Handlanger für die Mafia tätig sind, sind ihre beiden Freunde einen anderen Weg gegangen. Der eine berichtet als Journalist über den Fall, der andere betreut das Verfahren als Staatsanwalt. Ihre eigene Betroffenheit bleibt verdeckt, nur so können sie die schuldigen Männer vor Gericht retten. Das entscheidende Alibi kommt ausgerechnet von einem Priester, Robert de Niro, der die Jungen seit ihrer Kindheit kennt und sich entschließt, einen Meineid zu schwören, als er erfährt, was die vier in der Anstalt durch den später erschossenen Aufseher erlitten haben.

Soweit die völlig unwahrscheinliche Konstellation, wie Kritiker des Films feststellten, auch wenn der Autor des zugrunde liegenden Buches behauptet, die Handlung beruhe auf Fakten. Mir jedoch erschien die Geschichte damals völlig plausibel. Opfer, die später selbst Gewalt ausüben, sind selten, aber unter Gewalttätern haben viele selbst Gewalt erfahren. Nur Rachemorde an Tätern, die gibt es nicht, ich kenne keinen einzigen Fall.

Die lautstarke, rasende Wut auf die Täter begegnet mir eigentlich immer nur bei unbeteiligten Dritten. Während sich die Öffentlichkeit mit Abscheu auf die Täter stürzt, richten sich die Wut und der Zorn der Betroffenen eher auf die bystander im Umfeld der Tat, die nichts getan haben, um die Tat zu verhindern.

Meinen eigenen Sleepers-Moment erlebte ich Jahre später im Frühjahr oder Frühsommer 2005. Nicht in einer Bar, sondern bei einer öffentlichen Veranstaltung, doch ebenso unvermittelt.

Eine deutsche Ordensfrau, die ich seit meiner Jugend kannte, war in Berlin, um über ihre Arbeit in den Armenvierteln von Santiago de Chile zu berichten, wo sie seit 1968 lebte. In diesen Siedlungen am nördlichen Stadtrand der Millionenstadt hatte sie während der Jahre der Militärdiktatur Pinochets eine kirchliche Basisgemeinde und verschiedene Selbsthilfe-Projekte aufgebaut, darunter eine Suppenküche, einen Kindergarten und eine Gesundheitsstation. Nach und nach gab es weitere Projekte in anderen Siedlungen, und nach der Rückkehr des Landes zur Demokratie Anfang der neunziger Jahre entstand eine eigene Hilfsorganisation.

Ich hatte die Schwester während meiner Schulzeit, ich war damals 16 Jahre alt, bei einem Vortrag in der Aula der Schule kennengelernt und mich spontan als Freiwilliger angeboten. Nach meinem Abitur 1981 habe ich dann für 15 Monate in einem Armenviertel von Santiago de Chile in einer Gastfamilie gelebt, in einem Kindergarten und einem Hort mitgearbeitet und eine Jugendgruppe der Basisgemeinde betreut. Die Bewohner hatten die Siedlung nach der amerikanischen Aktivistin Angela Davis benannt, die Militärs änderten den Namen in Heroes de la Concepción, nach den Helden einer Schlacht des Salpeterkrieges im 19. Jahrhundert. Anfang der achtziger Jahre gab es dort weder Kanalisation noch asphaltierte Straßen, die meisten Menschen lebten in media aguas (wörtlich: »halbes Wasser«) genannten Holzhütten, die aus standardisierten Bauteilen zusammengezimmert waren. Als Dach diente ein schräg aufgesetztes Zinkblech, unter dem das Wasser im Winter kondensierte und auf die Bewohner herabtropfte.

Ich hatte die Schwester viele Jahre nicht gesehen. Der Vortrag fand im Pfarrsaal hinter der St.-Hedwigs-Kathedrale statt, dort war eine Ausstellung von Handarbeiten aus Frauenwerkstätten aufgebaut. Doch eigentlich habe ich daran keine Erinnerungen mehr, und auch nicht an den Inhalt des Vortrags.

Als ich den Raum betrat, stand da ein großer, übergewichtiger Mann mit leicht fettigen Haaren und einer Brille mit dicken Gläsern. Sofort registrierte ich sein besonderes Merkmal, auf das er selbst gleich in der ersten Religionsstunde im zweiten Halbjahr der Sexta 1974 zu sprechen kam: Eines der Augen (das linke?) blickte irritierend in die andere Richtung als jenes, mit dem er mich anschaute, begleitet von einem leicht spöttischen Gesichtsausdruck, der mich rot werden ließ. Seit meinem Abitur 1981 hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich war sprachlos. Ein 42-jähriger Akademiker, der sein Geld mit Schulungen, Vorträgen und Seminaren verdiente und gelernt hatte, vor großen Menschengruppen aufzutreten, wusste nicht, wohin mit sich unter diesem Blick. Schlagartig befand ich mich wieder in der Rolle des dreizehnjährigen schlaksigen linkischen Jungen, der von dem Priester befragt wurde. Diesmal stellte er mir keine intimen Fragen, die einen kleinen Jungen in Verlegenheit stürzten. Er erkundigte sich danach, wie es mir gehe, was ich beruflich machte. Und ich berichtete getreulich, dass ich im Vorjahr meine Festanstellung in dem Telekommunikationskonzern aufgegeben hatte, wo ich nach Philosophiestudium und einigen Jahren in der Erwachsenenbildung über ein Jahrzehnt im Projekt-und Qualitätsmanagement gearbeitet hatte, um nunmehr als freiberuflicher Trainer und Berater tätig zu sein.

Er war in Begleitung von einigen Männern etwa in meinem Alter, unter denen ich zwei, drei ehemalige Mitschüler aus der Zeit am Berliner Jesuitengymnasium Canisius Kolleg erkannte. Sie standen um ihn herum, als ob sie nie aufgehört hätten, sich als Gruppenleiter in der Jugendarbeit mit dem geistlichen Leiter zu beraten. Warum überraschte mich der Anblick nicht?

Bei ihm war außerdem eine junge Frau mit langem schwarzem Haar, die offenbar aus dem andinen Raum stammte, aus Bolivien oder Peru. Sie sprach kein Deutsch, und es gab keine Gelegenheit, mich länger mit ihr allein auf Spanisch zu unterhalten. Sie sei zu Besuch bei Padre Pedro, um ihn zu unterstützen, mehr erfuhr ich bei dem kurzen Austausch nicht von ihr.

Peter R. hatte die Schule im Herbst 1981 fluchtartig verlassen. Ich hatte das nur aus der Ferne mitbekommen, weil ich da schon in Chile war. Jetzt fielen mir schlagartig wieder die Gründe für seinen überstürzten Abgang ein.

Da stand er, umgeben von ehemaligen Schülern – die in der von ihm aufgebauten und autokratisch geleiteten Jugendarbeit (die zunächst ausschließlich eine Jungenarbeit gewesen war) als Kinder in den Jugendgruppen und dann mit vierzehn, fünfzehn als Gruppenleiter auf Fahrten und in wöchentlichen Gruppenstunden mitgearbeitet hatten. Was machte er hier, bei einer Veranstaltung mit »meiner« Schwester Karoline? Offenbar hatte er nach seinem Verschwinden aus Berlin und seinem Wiederauftauchen als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim Kontakt zu ihr aufgenommen. Nur, was wollte er, der, soweit ich wusste, immer ein so ausgeprägtes Interesse am Intimleben kleiner Jungen beim Eintritt in die Pubertät gezeigt hatte, jetzt mit einer jungen Frau? Er sprach kein Spanisch. Wie sie sich mit ihm verständigte, war mir ein Rätsel. Erst im Nachhinein, als ich schon auf dem Nachhauseweg war, fiel mir ein, wie das Bild auf mich gewirkt hatte: R. umgeben von den Seinen, wie ein Sektenführer inmitten treuer Anhänger.

Die Erinnerung war wieder da.

Ich stand auf dem Dachboden meiner Erinnerung vor der großen verstaubten Kiste mit einer Reihe von Versatzstücken, die vor langer Zeit dort abgelegt worden waren und die mir auf einmal eine Geschichte erzählten, die ich damals nicht verstanden hatte.

Wie war es möglich, dass ich mein gesamtes Erwachsenenleben, seit meinem 18. oder 19. Lebensjahr, als ich aus Chile zurück war, ohne Erinnerung an die Beichtgespräche mit Pater Peter verbracht hatte? Er war der erste Erwachsene, den ich duzen durfte, mit elf oder zwölf Jahren. Wo waren die merkwürdigen Szenen in der »Burg« geblieben? Die andeutungsvollen Gespräche mit Klassenkameraden, jene Nacht bei der Gruppenleiterschulung, als ich zum ersten und einzigen Mal mit einem Freund über das gesprochen hatte, was Peter von mir wollte, und wie ich versuchte, mich zu entziehen. Und ich fragte, was er von dem Freund gewollt hatte.

Wie konnte das alles weg gewesen sein?

Irgendwie war ich mir sicher, dass ich jederzeit in den vergangenen 28 Jahren hätte erzählen können, was bei diesen Gesprächen im Büro des geistlichen Leiters geschah, wenn sich die Tür hinter einem schloss. Dieses von uns Schülern »Kabuff« genannte schmale, längliche Zimmer, das in an die Wand gedübelten Regalen mit allerlei technischen Geräten wie Fotoapparaten und Schallplattenspielern und Kassettendecks, Büchern und Zeitschriften vollgestopft war, der drehbare Chefsessel, und wie man selbst wie auf Kohlen auf einem Stuhl oder auf dem Bett saß, das gleich hinter der Tür auch noch in dieser Kammer stand. Ich hatte es nicht vergessen. Ich wusste noch genau, wie mir das Herz bis zum Hals schlug, als ich den berüchtigten Test ausfüllen musste und Seite für Seite umschlug, so wie er mir das vorher gesagt hatte, das Bild, das dort eingeklebt war, betrachtete und dann meine Gedanken, Gefühle und körperlichen Reaktionen auf das Gesehene festhielt. Ich erinnere mich noch an mein nächtliches Grübeln, nachdem ich mich »befleckt« hatte, ob und wie ich das dem Pater erzählen konnte, ohne dass er wieder mit seinem Vorschlag kam, »es« doch zukünftig, wenn ich es gar nicht mehr aushielt, gleich dort auf dem Bett in seinem Zimmer zu machen, beobachtet von dem Pater, der mit dieser Art Abschreckungstherapie dafür sorgen wollte, dass ich es zukünftig nicht mehr tat. Nicht weil es krank machte, das sei nur Aberglaube, sondern weil es Gottes Willen nicht entsprach und es meine unsterbliche Seele in Gefahr brachte. Diese Selbstbezogenheit, das Um-sich-Kreisen, die Ichbezogenheit, die in diesem Akt zum Ausdruck kam. In einer künftigen Beziehung, einer Ehe oder wenigstens festen Partnerschaft, da hatte »das« dann seinen Platz.

Alle diese Erinnerungen waren nicht vergessen, sondern nur auf diesem staubigen Dachboden abgelegt worden. Zusammen mit den blaustichigen Dias von den Sommerlagern in Faßmannsreuth, vom Cityspiel zu Ostern 1977 und der Jugoslawienfahrt im gleichen Sommer. Zusammen mit den Erinnerungen an die Gruppenleitersitzungen mit dem »heißen Stuhl« in der Mitte, auf dem wir nacheinander Platz nahmen, um uns von der Gruppe »Feedback« geben zu lassen, über uns, unser Verhalten, unsere Fehler und Versäumnisse. Dieser Moment, wenn dann einer anfing zu weinen, aber tapfer die Tränen zurückzuhalten versuchte, die Angst, gleich selbst dort Platz nehmen zu müssen, und dennoch so verdammt ehrlich und rückhaltlos über den anderen gesprochen zu haben.

Dieses ganze sektenartige Gewese, um die besondere Nähe zu Jesus, die Happening-artigen Gottesdienste, die so ganz anders waren als die langweilen Messen in der Schulkapelle oder der Pfarrgemeinde. Diese Erinnerungen waren nicht gelöscht, verdrängt, vergessen worden, sondern nur beiseitegeschoben und zwischengelagert, wie in einer staubigen Kiste, die ich nicht öffnete, damit sie meine Nächte nicht belasteten.

Nach meiner Rückkehr aus Südamerika 1983 traf ich noch einige Kameraden aus der Jugendarbeit. Wir sprachen über die Gründe für den Weggang von Pater Peter, vom Neuanfang der Jugendarbeit am Canisius Kolleg. Und dann gingen wir unserer Wege.

Meiner führte mich durch viele Stationen, es ähnelte mehr einer Flucht als einem geraden Weg. Später in der Rückschau erschien er mir als ein träge in der Ebene mäandernder Fluss. Solange man sich auf dem Wasser befindet, ist keine Richtung zu erkennen, jede Biegung erscheint zufällig. Erst im Abstand zeigt sich das Hin und Her. Und erst wenn man die Ebene verlässt und aus der Höhe darauf blickt, enthüllt sich doch eine Richtung und zeigt sich, dass diese ziellose Flucht einen Weg bezeichnet, eine Weise weiterzuleben.

Da hatte ich diese Erinnerungen, mit denen ich mich drei Jahrzehnte nicht auseinandergesetzt hatte, die ganze Zeit im Gepäck, und von dort strahlten sie still in mein Leben hinein. Fliehen statt Sich-Stellen. Ausweichen statt den Konflikt suchen. Ja sagen, wo Nein gemeint war. Das waren die Konstanten.

Und die ganze Zeit über einen Weg finden, mit der inneren Anspannung, der Schlaflosigkeit, der Unruhe und Aufregung zurechtzukommen, die mich immer wieder überfielen.

Diese Unruhe und Erregung ließen sich zum Beginnen von allerlei Projekten nutzen, auch wenn das Beenden dann schwerfiel. Oft musste diese Unruhe gedämpft werden, mit Tabak, Alkohol und anderen Substanzen. Es war wie eine Gratwanderung, ein Schritt zu viel, und man stürzte in die Abhängigkeit.

All die Jahre, während ich in der Ebene umherirrte, ohne zu wissen, weshalb ich mich im eigenen Leben so fremd fühlte, hatte ich die weggesperrten Erinnerungen im Gepäck, und sie verstrahlten alles, was ich anfing und unternahm. Irgendwann war die ursprüngliche Wunde zugewachsen, aber weil sie nicht fachkundig verbunden, sondern einfach zugewuchert war, mit eigenen Mitteln bewältigt statt versorgt, deshalb pochte darunter der Eiter.

Und jetzt stand die Kiste der Erinnerungen offen. Und der Erwachsene, der ich geworden war, konnte nicht mehr leugnen, was er da sah. Aber er hatte noch kein passendes Wort. Missbrauch, sexuelle Gewalt, Manipulation, sektenhafte Jugendarbeit – das waren Begriffe, die erst noch erarbeitet werden mussten. Es begannen – zögerlich zunächst – Gespräche mit meinem besten Freund aus der Schulzeit. Auf unseren jeweiligen Fluchtwegen hatten wir uns aus den Augen verloren. Jetzt begegneten wir uns vorsichtig wieder, mit jedem Wort den Weg zurück aus dem Sumpf auslotend. Andere Kameraden hatten andere Fluchten gewählt. Es würde dauern, ihnen dorthin zu folgen, den Kontakt wiederherzustellen.

Was sich abzeichnete, war klar: Wir waren missbraucht worden, sexuell, psychisch und spirituell. Wir hatten den perversen Fantasien eines verklemmten Priesters als Stimulanz gedient. Er war systematisch und organisiert zu Werke gegangen. Hat über Monate seine Netze ausgeworfen. Und dann hat er sich in unser Gewissen, in unser Herz gefressen und sich an unseren Fantasien, unseren Ängsten gelabt, manchmal Hand angelegt, meist nur geschaut und die grenzenlose Scham der vor ihm liegenden Jungen genossen.

Und das Spiel hatte sich über Jahre immer wieder wiederholt, mit jedem neuen Jahrgang. Sobald man durch den körperlichen Wandel durch war, mit tiefer Stimme, hochaufgeschossen, war sein Interesse dahin. Nur Widerworte, die ertrug er auch dann nicht. So wurden viele ältere Gruppenleiter vertrieben. Einige verließen die Schule unfreiwillig. Die waren besonders schwer zu finden, weil sie in keinem Verteiler mehr auftauchten.

Nach diesen Gesprächen war ich aufgewühlt. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit versetzte mich so in Aufregung, dass es sich nur eine begrenzte Zeit ertragen ließ. Als ob man sich diesem Gift nicht ständig aus der Nähe aussetzen konnte. Also legte ich die Erinnerungen stets wieder in die Kiste und versuchte weiterzuleben. Doch die Unruhe blieb.

Diese Art von Fluchtverhalten, diese partielle Amnesie bedeutet einen wichtigen Schutzmechanismus der Seele, um nach traumatisierenden Erfahrungen weiterleben zu können. Als Jugendlicher hatte ich das instinktiv erkannt und hatte das, was geschehen war, einfach ausgeblendet. Als junger Erwachsener gab es andere Prioritäten im Leben: die Schule zu beenden, das Studium zu bewältigen, das besonders gefährliche Gebiet der Sexualität und der Partnerschaft zu erkunden. Kräfte zu sammeln.

Die Gefahr, in diesen Jahren der Flucht und der Selbstmedikation an Suchtmittel zu geraten, die stärker und unmittelbarer als der Alkohol und der Tabak in die Abhängigkeit führen, ist groß. Ich hatte Glück gehabt und überlebt. Dafür hatte ich mein gesamtes Erwachsenenleben wie hinter einer Milchglasscheibe verbracht. Doch jetzt war mir klar, dass diese Wunde erst heilen konnte, wenn sie ein weiteres Mal geöffnet und diesmal angemessen versorgt würde.

Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Und klar war auch, dass es schmerzhaft werden würde. Also schob ich es auf.