Von Pinien und Elektronik und wie 1984 nicht »1984« wurde

Von Pinien und Elektronik und wie 1984 nicht »1984« wurde

Auszug aus Nosthoff / Maschewski »Die Gesellschaft der Wearables«, Seite 7–13

Am 22. Januar 1984 traten die Los Angeles Raiders im Super-Bowl-Stadion in Florida gegen die Washington Redskins an, das Team von der Westküste gewann deutlich 38:9. Obgleich die Scorerpunkte der Kalifornier bis heute einen unerreichten Rekord markieren, blieb weniger der souveräne Sieg der Footballer als eine ikonische Werbung im Gedächtnis – eine Werbung, die utopische Hoffnungen und dystopische Fallstricke des digitalen Zeitalters gleichermaßen verdichtete. In der Pause des einseitigen Finales erklärte sie 1984 zum entscheidenden Schicksalsjahr, versinnbildlichte nicht nur einen performativen Wendepunkt in der Geschichte der Technisierung, sondern versprach vor allem, sie mit revolutionären Mitteln vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Im epochemachenden Spot des Technologiekonzerns Apple Inc. marschiert eine scheinbar zum totalen Konformismus erzogene, graue Masse im Gleichschritt vor einen gigantischen Bildschirm – ganz bewusst erinnert die Szenerie an die Orwellsche Dystopie eines technologischen Überwachungsstaates. Von krachendem Maschinensound begleitet, wälzt sich das uniforme Kollektiv vor das verpixelte Gesicht des Big Brother, der vom monumentalen Screen auf sie herabsieht: »Heute feiern wir den ersten glorreichen Jahrestag der Richtlinien zur Informationsreinigung«, tönt seine herrschaftliche Stimme im derben Neusprech. »Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte einen Garten der reinen Ideologie geschaffen – in dem jeder Arbeiter erblühen kann, in Sicherheit vor den Schädlingen, die widersprüchliche Wahrheiten vermitteln. Unsere Vereinigung der Gedanken ist eine mächtigere Waffe als jede Flotte oder Armee auf der Erde. Wir sind ein Volk, mit einem Willen, mit einer Entschlossenheit, einem Bestreben.« Die totalitäre Ansprache an die Untergebenen wird jäh von einer hineinstürmenden, athletischen Frau unterbrochen, die, mit einem Vorschlaghammer ausgerüstet und von Sicherheitskräften verfolgt, in einem disruptiven Wurf die Oberfläche des großen Screens und mit ihr die Ideologie zentralisiert-technologischer Kontrolle zu zerstören scheint. Sodann wird der gebrochene Überwachungsschirm von einem breiten Lichtstrahl durchflutet, der die uniformen Sklaven einer grellen Blendung aussetzt – man muss sie sich wie das Update von Platons Höhlenmenschen vorstellen, die zum ersten Mal die Sonne und mit ihr die Wahrheit sehen: »On January 24th Apple Computer will introduce Macintosh. And you will see why 1984 won’t be like ›1984‹.«

»Technik wurde nicht mehr als Inbild der Entfremdung von Arbeit und Natur, sondern mit der Aura des Demokratischen, Organischen und Emanzipativen aufgeladen, man erkannte in ihr eine widerständige, antihierarchische Kraft.«

Der ikonische, vom Science-Fiction-Regisseur Ridley Scott konzipierte und zum Klassiker avancierte Spot machte das technologische Spiel aus Überwachung und Befreiung erstmals kristallin: Im machtkritischen Hammerwurf der Dame spiegelten sich sämtliche technologische Emanzipationsversprechen einer Zeit, die in dezentralen Apparaturen eine valide Antithese zur Idee staatlich kontrollierter Netzwerke – und damit zur Orwellschen Dystopie – ausmachte. Das egalitäre Narrativ fiel Mitte der 1980er-Jahre auf einen fruchtbaren Boden, den die zivilisations- und staatskritische kalifornische »Gegenkultur« der Hippies bereits Jahre zuvor bereitet hatte. Obwohl die Aussteigerbewegung anfangs so kapitalismus- wie technikkritisch war – Großrechner symbolisierten für sie bürokratische Verkrustungen und die Kälte des staatlich-militaristischen Komplexes –, sinnierte man bald poetisch über »kybernetische Wälder / gesäumt von Pinien und Elektronik / wo Rehe friedlich / an Computern vorbeispazieren / so als wären sie Blumen / mit wirbelnden Blüten«; träumte gar von einem Ort, an dem »Säugetiere und Computer / zusammenleben in wechselseitig / programmierter Harmonie«. Besonders die Verbreitung des Personal Computers und die neue Zugänglichkeit der Apparate verstärkte im Anschluss ihre Umwidmung im Zeichen der Partizipation und Teilhabe. Technik wurde nicht mehr als Inbild der Entfremdung von Arbeit und Natur, sondern mit der Aura des Demokratischen, Organischen und Emanzipativen aufgeladen, man erkannte in ihr eine widerständige, antihierarchische Kraft. Damit schien sie eben jene Machtkritik zu materialisieren, der sich auch die Gegenkultur verschrieben hatte. Computer etablierten sich so schnell als Must-have des individuellen Einspruchs – als ultimatives Lösungsmittel gegen zentrale Übermächte. Der Historiker Fred Turner brachte den Paradigmenwechsel auf die klingende Formel: »From Counterculture to Cyberculture«.

Im von Apple so dargestellten Schicksalsjahr war dann auch nicht nur der Superbowl in Tampa wegweisend. Anlässlich der ersten exklusiven Software-Messe im Mai ’84 stellte der techaffine kalifornische Aktivist und Entrepreneur Stewart Brand, selbst Erfinder des Begriffs Personal Computer, ebenfalls in einem Superdome – dieses Mal in New Orleans – den »Whole Earth Software Catalog« vor. Die pointierte Erweiterung des ursprünglichen »Whole Earth Catalog«, einer Art »Bibel der Gegenkultur« (Steve Jobs), verband Ökologie mit alternativer Pädagogik, ergänzt durch die neuesten IT-Produkte – für Brand gab es also einen richtigen Konsum im falschen. Nur wenig später entstand um diesen mit dem Netzwerk »Whole Earth ’Lectronic Link« (The WELL), das schon qua Namen nicht weniger als »die elektronische Verknüpfung der ganzen Welt« anstrebte, die erste Online-Community. Man begnügte sich nicht länger mit isolierten Gesellschaftsexperimenten in Hippie-Domes; blickte vielmehr, mit hehren Zielen und digitalen Werkzeugkästen ausgestattet, auf das globale Dorf, das es von unten zu vernetzen galt. Die Fusion aus Weltverbesserungsanspruch und Individualismus, Geschäftssinn und Technikoptimismus entfachte schnell diverse Eigendynamiken, oder, um es auf den Punkt zu bringen: Sie begründete schließlich einen neuen, maschinischen Geist des Kapitalismus.

Freilich ist bekannt, dass aus der einstmals so progressiven Erzählung wenig mehr entstanden ist als die Etablierung neuer, sehr viel umfänglicherer, technologischer Machtmonopole; dass sich die Weltverbesserungssehnsucht in eine »kalifornische Ideologie« und solutionistische Vorstellung verkehrt hat, die jedes Problem mit Technik zu lösen wünscht. Aus den individuellen, alternativen Tools der Dissidenz sind längst konforme Massenprodukte geworden. Die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff sprach unlängst gar von einem grassierenden »Überwachungskapitalismus«, in dem sich der maschinenlesbare Blütentraum durch die fünf populärsten Firmen aus dem Silicon Valley, Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft – kurz: GAFAM – so verformt habe, dass eine ganz eigene Generation »großer Brüder« herangewachsen sei. Dieser scheint es zwar kaum, wie noch Orwell befürchtete, um die direkte Gleichschaltung der Individuen zu gehen, dafür aber um die – mal mehr, mal weniger subtile – Kontrolle ihrer Daten- und Warenströme. GAFAM verfügen über einen Marktwert von knapp 4 Billionen Dollar; haben so viele Ressourcen angehäuft, dass sie das Bruttoinlandsprodukt vieler Staaten weit übertreffen; allein der weltweite Absatz von tragbaren Technologien, sogenannten Wearables, hat sich in den vergangenen Jahren fast vervierfacht (25 Prozent der US-AmerikanerInnen sind mittlerweile im Besitz einer Smartwatch oder eines Tracking Device). Seit der Einführung des Personal Computers und dem anhaltenden Erfolg digitaler Technologien haben sich also ertragreiche Unternehmen gebildet, deren Hard- und Software nicht nur sämtliche Schichten des Realen sondieren, sondern auch immer nachhaltiger die Horizonte der Gesellschaft prägen. So scheinen sich emanzipative Vorstellungen heute stets an vernetzende Herstellungen, die Ideen eines besseren Lebens immer systematischer an die Wirkmächtigkeit seiner Apparate zu binden: »all watched over by machines of loving grace«.

»So scheinen sich emanzipative Vorstellungen heute stets an vernetzende Herstellungen, die Ideen eines besseren Lebens immer systematischer an die Wirkmächtigkeit seiner Apparate zu binden: all watched over by machines of loving grace.«

Vor diesem Hintergrund markiert der Spot aus dem Jahr 1984 eine einschneidende Wegmarke. Einerseits wirkt er wie ein Kippmoment, in dem sich das gegenkulturelle Gedankengut und seine Ideale erstmals ganz offensichtlich zu bloßem Marketing verzerrten. Andererseits bestimmt er den frühen Kulminationspunkt einer Entwicklung, die seither fast mantraartig das soziale Imaginäre massiert: Denn auch heute wird fast jedes neue Produkt, jede neue App, jedes digitale Device mit den Verheißungen der Befreiung aufgeladen – Verheißungen, die die verführerischen »Innovationen« kaum halten können, zuweilen gar in ihr Gegenteil verkehren.

In dieser Optik offenbart sich eine grundlegende Paradoxie digitaler Gegenwarten, die nicht allein auf das verfängliche Spiel zwischen werblichen Versprechen und individueller Konsumlust, sondern vielmehr auf eine grundlegende Verschiebung in der Dialektik von Freiheit und Kontrolle verweist. Diese Dynamik gesellschaftlich wie subjektiv, historisch und mit Blick auf künftige Gegenwarten, genauer zu beleuchten, ist Movens, Ausgangspunkt und Fluchtlinie dieses Buchessays. Gerade mit Blick auf die Wearables der Gegenwart und ihre immer detailliertere Vermessung des Lebens soll anschaulich werden, wie aus den Verheißungen der Technik, ihren Anreizen und Angeboten immer häufiger ein Gefüge erwächst, das eine freiheitliche Kontrolle fast unmerklich in eine kontrollierte Freiheit transformiert. Neben dem via Smartwatch optimierten, fitteren und gesünderen Individuum gerät hierbei auch das quantified collective, das Quantifizierte Kollektiv, in den Fokus, dessen Wesen und Wege, mit behavioristischen Theorien und kybernetischen Praxen umstellt, immer genauer beschrieben und erfasst, immer tiefer durchdrungen – immer häufiger bestimmt scheinen. Dass sich das vermessene Ich wie das »metrische Wir« in der Lesart der Tech-ApologetInnen aus dem Valley schließlich als design- und formbar beschreiben, dass es in den Umwelten smarter Geräte »keine Stelle gibt, die dich nicht sieht«, macht dann besonders eine Konsequenz deutlich: Es ist an der Zeit, sich in der Kunst zu üben, nicht so profiliert und verführt, nicht dermaßen kontrolliert und »von denen da« befreit – kurz: »nicht dermaßen regiert zu werden«.