Wozu brauchen wir Bildung?

Wozu brauchen wir Bildung?

Auszug aus Stephan A. Jansen »Die Befreiung der Bildung«, Seite 23–34

Wenn die Verkünder der Digitalisierung nicht ganz falschlie­gen, werden uns die Algorithmen schon bald jegliche regelge­bundene, auf Wissbarem beruhende Arbeit mit einer solchen Eleganz und Effizienz abnehmen, dass wir uns gar nicht mehr danach zurücksehnen werden, sie selbst zu erledigen. Welche Zukunft der Bildung entspricht dieser Zukunft der Arbeit? 

Die gute Nachricht: Diesmal ist es zum Glück mit einer Reform nicht getan. Noch nicht einmal mit einem großen Re­form-Paket. Nein, diesmal müssen wir uns tatsächlich verab­schieden von den verengenden und vernebelnden Bildungs­begriffen der letzten Jahrzehnte – und von den mit ihnen einhergehenden furchtbar wohlmeinenden und misslingen­den Programmen. Zum Glück. Endlich kommen wir auf Bil­dung als Schönheit und Verheißung zurück.

»Bildung ist nicht bestellbar. Weder von der Wirtschaft noch vom Staat noch vom einzelnen Menschen.«

Eine zentrale Erkenntnis über das Neue wird wiederent­deckt: Bildung ist nicht bestellbar. Weder von der Wirtschaft noch vom Staat noch vom einzelnen Menschen. Die formali­sierte Bildung, wie sie die Lehranstalten heute vermitteln, leidet ebenso unter auswegloser Sinn-Erosion wie die meis­ten vordigitalen Modelle des Arbeitslebens. Der Befreiung der Bildung steht damit nichts mehr im Weg (außer der katastrophal bzw. katastrophengemäß schlechten finanziellen und personellen Ausstattung der Kitas und Grundschulen; aber dazu mehr im Schlusskapitel dieses kleinen Buchs).

Drängende Fragen, die sich aus dem Verschulungs- und Bologna-Kontext heraus nicht angehen lassen: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Und was wird gerade aus ihr? Mit welcher Arbeitsteilung von Mensch und Maschine werden beziehungsweise wollen wir leben? Welche Bildung brauchen wir für das, was sich gerade bildet? Was bedeuten Textkenntnisse und Quellenprüfung in dieser medialen Ge­sellschaft? Welche Kompetenzen im Umgang mit Medien be­nötigen wir? Kurz: Was bleibt übrig?

Das alles sind nicht wissbare und sehr zeitgemäße Fra­gen. Fragen, auf die wir die Antworten nirgendwo auffinden, sondern bestenfalls herausfinden können. Fragen, mit denen Siri überfordert ist und bleibt. Fragen also, die uns zurück in die Zukunft führen – zurück zu dieser systematisch unzeit­gemäßen Bildung, die sich nicht im Abrufen von Bekanntem äußert, sondern im Aufbruch ins Unbekannte.

Die Gleichsetzung von Bildung und Wissen ist ja ein aus der Verengung des Bildungsbegriffs hervorgegangenes Missverständnis. Spätestens ein hochvernetzter enzyklopädischer Roboter mit Zugriff auf die digitalisierten Bestände aller großen Bibliotheken des Planeten (und auf den ganzen Rest des Internets) schafft dieses Missverständnis endgültig aus der Welt. Denn wenn Bildung nachschlagbares Wissen wäre, wäre dieser Roboter gebildeter als alle Menschen. Und das ohne Bewusstsein, vermutlich sogar ohne Selbst-Bewusstsein, wie es Menschen aus der und in der Bildung gewinnen.
 
Allerdings würden schon recht schlichte nicht wissbare Fragen den Roboter überfordern. Ebenso wenig wäre er im­stande, die Einträge seines Wissenskatalogs über ein paar mechanistisch-logische Operationen hinaus kritisch zu dis­kutieren oder gar weiterzudenken (erst recht nicht, wenn es sich um mehrere einander widersprechende Theorien han­deln würde). Musterhafte Roboter sind musterhaft arbeitende Regel-Befolger und -Entwickler. Menschen sind hin­gegen mustergültige Muster-Brecher.

Zu den unbefriedigendsten Zwischenergebnissen auf dem Forschungsfeld der Robotik zählt, dass Roboter bisher ganz schlecht im Stolpern sind. Wenn sie straucheln, fallen sie. Die menschliche und tierische Fähigkeit, sich beim Stol­pern wieder zu fangen, den Fehltritt auszugleichen und sich über die Störung hinwegzubewegen, geht ihnen ab und ist ihnen nach derzeitigem Stand der Dinge kaum beizubringen.
 
Genau das aber ist Bildung: stolpern, sich fangen, sich weiterbewegen. In diesem Bereich ist es mit der Lernfähig­keit der »künstlichen Intelligenz« einstweilen nicht weit her, und wir wagen die Prognose, dass es ein Unterschied zwi­schen Mensch und Maschine ist, der sich zwar verringern, je­doch grundsätzlich bestehen bleiben wird.

Menschliche Intelligenz verliert jedes Spiel (ob Schach, Go), jeden Wettbewerb, jeden Lauf, sobald es dafür Regeln gibt. Aber Spiele und deren Regeln können wir entwickeln. Bildung fängt da an, wo das Wissbare, die geraden Läufe, die programmierten Wege aufhören – da stolpern wir in die Zu­kunft, anpassungsfähiger, resilienter und multitaskingfähi­ger, als sich das Roboter erträumen könnten, wenn sie zum Träumen in der Lage wären.

Nehmen wir an, Alexa, Siri und Co. übernehmen tatsäch­lich den Kanon. Also die Verwaltung und Verfügbarhaltung unserer gesammelten Wissensbestände – inklusive Einspei­sung neuer Forschungsergebnisse, die von ausgefuchsten Algorithmen als relevant berechnet werden. Finden Sie, das hört sich auch wieder nach kollektiver Verblödung an? Wir geben unseren kostbaren Bildungsschatz aus der Hand, ma­chen Maschinen zu seinen Hüterinnen und überlassen die Hoheit über das, was uns als wissenswert gilt, einer ominösen Kaste von Programmierern, die hinter den Algorithmen ste­cken? So könnte es geschehen, wenn wir auf Bildung verzich­ten würden. 

Bibliotheken funktionieren genau umgekehrt: als zu­verlässige Überraschungen, weil das das Buch neben dem Buch, also das Nicht-Gesuchte, das gefundene Fressen des nächsten Bildungshungers ist. Algorithmen im Netz können bisher nur gemusterte Selbstähnlichkeit, aber nicht unge­wöhnliche Un-Ähnlichkeiten abbilden. 

»Wenn Alexa und Siri den Kanon übernehmen, können wir uns endlich aufs Hinterfragen des Kanons konzentrieren.«

Wir wollen aber gerade nicht auf Bildung verzichten, im Gegenteil, wir wollen im Stolpern auf den Ur-Sprung der Bil­dung zurückkommen und sie befreien. Und dabei können uns die Maschinen sogar helfen. Platt gesagt: Wenn Alexa und Siri den Kanon übernehmen, können wir uns endlich aufs Hinterfragen des Kanons konzentrieren. Und einer der wichtigsten Anlässe dazu wird sein, Alexa und Siri zu hinterfragen.

Die gedruckten Medien waren in ihrer Art, Wissen zu ver­breiten, zwangsläufig elitär – und sie sind es bis heute. Von potenziell unendlich vielen Versionen eines Textes kommt genau eine in den Druck; von zahllosen Wünschen, ein Buch zu veröffentlichen, laufen die wenigsten auf ein veröffentlich­tes Buch hinaus; und von allen möglichen Arten, Erkenntnis­se oder Ereignisse zu definieren, zu beschreiben und zu be­werten, finden kaum welche massenhaft Verbreitung.

Das Internet schien jenes elitäre Wissensarchiv der Druckmedien durch ein ubiquitäres Wissensarchiv zu ersetzen. Eine Suchanfrage, zig Antwortvorschläge. Allerdings geht uns ab fünfzig Google-Hits die Suchpuste aus. Wir neigen dazu, uns mit der uns vorgesetzten Hierarchisierung der Suchergebnisse abzufinden und nur die ersten ein, zwei Bild­schirmseiten überhaupt näher zu betrachten (was sich Hotel­portale und andere werbetreibende Unternehmen bekannter­maßen einiges kosten lassen).
 
Das Internet als ubiquitäres Wissensarchiv ist die Theo­rie – in der Praxis herrscht die Regel, dass große Komplexität immer eine Trivialisierung erfordert. Die Suchmaschine schlägt uns mit ihrem algorithmisch ermittelten oder gut ge­schmierten Page Ranking eine Reduktion der aufgefundenen Komplexität vor, und wir folgen und schauen uns ganz trivial nur die »obersten« Suchergebnisse an.

Das klassische, weil besonders krasse Beispiel für die­sen Mechanismus der Trivialisierung ist der Börsenwert: Unzählige Informationen zu einem Unternehmen und sei­nem aktuellen Zustand werden heruntergebrochen auf einen Aktienpreis. Nach dem gleichen Schema – in der Entschei­dungstheorie nennt man es Unsicherheitsabsorption – ope­rieren auch Alexa und Co.: Du stellst eine Frage, und sie ge­ben dir nur noch eine Antwort. Eine einzige, nicht unzählige. War bisher das größte Geheimnis das Ergebnis der zweiten Google-Seite, wird es nun schon die zweite ebenso mögliche Antwort. Unsicherheit wird absorbiert, also die Chance des Anders-möglich-Seins.

Wir müssen uns von dieser Trivialisierung aber nicht ver­dummen lassen – ebenso wenig, wie wir uns vom Pageranking der Suchmaschinen, vom selektiven Angebot einer Bibliothek oder vom »Die richtige Antwort wäre gewesen …« eines vom Pfad der Bildung abgekommenen Lehrers verdummen lassen müssen. Wir können und sollten der Trivialisierung mit Bil­dung begegnen.

Wenn Siri eine Antwort gibt, sollten wir sie weiter fragen: Könntest du uns das noch mal anders erklären? Was wäre eine Antwort, an die du auch gedacht hast, dann aber die Antwort wichtiger fandest, die du gegeben hast? Warum fandest du die Antwort, die du ausgewählt hast, am wichtigsten? Hat dafür jemand gezahlt oder zumindest ein besonderes Interesse?
 
Künftige, weiterentwickelte Versionen von Siri und Co. werden hoffentlich auch bei solchen Erkundigungen nicht gleich überfragt sein. Wir aber nutzen die immer bequemere, weitgehend barrierefreie Zugänglichkeit des wissbaren Wissens für ein paar Lockerungsübungen (dazu mehr im nächsten Kapitel) und um uns weiter in der Kunst des Infragestellens zu üben sowie uns der kribbelnden Freude hin­zugeben, die die Beschäftigung mit nicht wissbaren Fragen auslöst.

Wir brauchen Bildung, um kritische Distanz einnehmen zu können – ohne uns dabei das Staunen, die Belohnung un­serer natürlichen Neugier, abzugewöhnen. »Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn wir alles vergessen haben, was wir ge­lernt haben«, so die vielzitierte und oft verfremdete Einsicht des britischen Staatsmanns Lord Halifax. Oder noch knapper formuliert vom Millionär Günther Jauch mit Blick auf die di­gitalen Hoffnungen: »Bildung ist nicht downloadbar.«
 
Bildung ist eben nicht der Kanon, sondern das, was über den Kanon hinausgeht oder überhaupt erst da beginnt, wo der Kanon endet: das Nicht-Geronnene des Lernens, das mal spielerische, mal zehrende Ringen um den Unterschied. Und die Leichtigkeit, mit der uns die Maschinen alles Starre, Fest­gelegte und Abfragbare des Wissens abnehmen, kann uns doch nur ermutigen, uns dem Beweglichen, dem Nicht-Er­fassten, dem Ungewissen zu widmen; und zwar sowohl dem Ungewissen jenseits des Wissens als auch dem Ungewissen innerhalb des Wissens.

Wir brauchen Bildung, weil sie uns drei entscheidende Kompetenzen verschafft: Navigations-, Bewertungs- und Dramatisierungskompetenz.

Navigationskompetenz geht aus dem Wissen über Wissensquellen hervor – aber nicht bloß im Sinne der alten Regel »Nicht gewusst wie, sondern wo«, die beim Griff zum heimischen Brockhaus oder beim Klicken durch die noch heimischere Wikipedia gilt. Navigationskompetenz ist die Fähigkeit, sich über das geschmeidige Nachschlagen hinaus auch auf unbekanntem und unsicherem Terrain zu bewegen, also ohne Karten und ohne enzyklopädische An­leitung.

Bewertungskompetenz ist die Anwendung von Wissen auf Wissen. Wenn wir sagen, dass der Schwerpunkt von Bil­dung nicht auf dem Kanon – dem Archiv des Wissbaren – lie­gen soll und liegen kann, heißt das ja keineswegs, dass wir dieses Archiv (und das, was die Maschinen damit machen) nicht mehr für wichtig halten oder nicht mehr überprüfen wollen. Im Gegenteil. Allerdings richtet sich das Augenmerk des Sich-Bildens, des Lernens hin zur Bildung eben weniger auf die Frage Was wissen wir? als auf die Frage Wie kommt das Wissen, das uns vorliegt oder vorgesetzt wird, zustande? Wir blicken auf die Kontexte und Bedingungen von Wissen, wir diskutieren die Relevanz von Wissen (ob gesellschaftlich, ob epistemologisch, ob individuell) und die Qualität von Wissen (Wie vielen Runden des Hinterfragens hält ein schie­fer Turm stand, ehe er einstürzt?).

Beide Kompetenzen (zur dritten, der Dramatisierungs­kompetenz, kommen wir gleich) lassen sich nur durch Übung verbessern. Und an diesem Punkt müssen wir die digital divide ansprechen, die digitale Spaltung der Gesellschaft. Digitale Spaltung bedeutet nichts weniger, als dass eine pom­pös angekündigte Menschheitsbeglückung zur Minderheits­beglückung schrumpft und ein großes Demokratieverspre­chen unerfüllt bleibt.

Zwar sind mit dem Internet, wie wir es heute kennen, in der Tat weite Teile unseres gesammelten Wissens sehr viel leichter zugänglich geworden. Doch diese Erleichterung eint die Gesellschaft nicht etwa, sondern sie vertieft die Gräben zwischen den – wieder ein Horrorwort – Bildungsschichten. Dass digitale Bildung dabei helfen könne, die digitale Spal­tung zu überwinden, ist in einer Studie von Science aus dem Dezember 2015 eindeutig widerlegt: Digital zugängliches Wissen wird vor allem von einkommens- und bildungsstar­ken Schichten genutzt. Bildung in Zeiten der Digitalisierung braucht Bindung, keine Digitalisierung.

Während die (mehr oder weniger) Wissenden ihr Wissen weiter mehren können und die im Sinne dieses kleinen Bu­ches Gebildeten obendrein imstande sind, dabei eigenständig zu navigieren und zu bewerten, bleiben die Nicht-Gebildeten (die an der Bildung Gehinderten oder der Bildung Entfremde­ten) außen vor. Ihnen fehlen die Anschlussmöglichkeiten an das unermessliche Archiv, weil sie nicht wissen, wo genau sie selbst sich befinden, wie sie sich im Wissen bewegen können und wie sich Gewusstes, Gesagtes, Geschriebenes hinterfra­gen lässt.

Wir brauchen Bildung, um die digitale Spaltung zu über­winden. Mit der grandiosen medialen Demokratisierung des Wissens – und der nicht minder grandiosen Erleichterung des Austauschs von Wissen und Nicht-Wissen, von offenen Fra­gen und zu knackenden Nüssen – wird die Bildungsungerech­tigkeit klarer denn je als ein Skandal erkennbar, als ein un­haltbarer Zustand.

Auf Maßnahmen, die helfen werden, diesen unhaltbaren Zustand endlich zu überwinden, kommen wir noch zu spre­chen. Vorerst aber, und als Voraussetzung für die weitere Argumentation, bleibt noch die dritte Kompetenz zu beschreiben, die Bildung uns verschafft und die uns Bildung verschafft: die Dramatisierungskompetenz.

Dramatisieren darf hier gerne auch im populären, nicht-philologischen Sinn aufgefasst werden. Es geht um die Kunst, mehr Drama in die Bildung zu bringen, und zwar sowohl institutionell als auch individuell. Diese Dramatisierungskompetenz braucht es auf den analogen wie digitalen Büh­nen, in der Vermittlungs- wie Ermittlungsfähigkeit.

Das Ideal des Sich-Bildens ist nicht verkörpert in der Fi­gur der oder des staubigen Gelehrten, sondern im staunenden Kind: Hemmungslos neugierig tastet es sich voran ins Nicht­Wissen. Es feiert die Erkenntnisse, zu denen es gelangt, hält sich aber nicht damit auf. Dauernd stolpert es, aber immer wieder rappelt es sich hoch, und bald schon versteht es, sein Stolpern abzufangen und in nassforsche Weiterbewegung in der freien, tragenden Luft umzuwandeln. Es spekuliert un­bändig herum, ist aber jederzeit bereit, von einem selbst er­kannten Irrweg abzulassen. Es begeistert sich, aber es lässt sich nicht beeindrucken. Es tut also in fast jeder Hinsicht das Gegenteil dessen, was die Buchhalter des Kanons und die zer­tifizierten Besserwisser/innen an den Lehranstalten tun.

Jede Menge Drama ist da drin. Und auf etliche Arten treiben ein formalisiertes, verschultes Bildungssystem oder auch die ihrerseits vom Bildungssystem schwer geschädigten Erziehungsberechtigten uns diese Lust am Dramatisieren aus. Wir brauchen Bildung als Nahrung für unsere natürliche Neugier, und wir brauchen Bildung, um unsere natürliche Neugier wieder zu aktivieren, sie wieder zur Geltung zu bringen, wenn sie uns abgewöhnt oder vermiest worden ist.
 
Die Dramatisierungskompetenz ist sowohl eine Kom­petenz des lebendigen, mitreißenden Vermittelns von Wis­sen (und vor allem des Bestärkens im Herausfinden-Wollen) als auch eine Kompetenz beim eigenen Voranschreiten in die freie Luft. Bildung macht Freude – gönnen wir uns das Vergnügen; uns und allen anderen Sich-Bildenden.

Die Dramatisierungskompetenz ist außerdem engver­bunden mit dem einzigen Imperativ, den wir für die Bildung formulieren wollen: Lass dich von nichts beeindrucken, nicht einmal von dir selbst.

Ähnlich wie bei einer Schauspielerin, die idealerweise »in ihrer Rolle aufgeht« und dennoch in jedem Moment weiß, was sie tut und dass sie eine Rolle spielt, wirkt sich die Dramatisierungskompetenz in der Bildung auch als eine Fähigkeit zur Selbstbeobachtung aus. Verschafft uns die Be­wertungskompetenz den nötigen Abstand zu dem, was wir auffinden oder beobachten (stimmen wir dem zu, nehmen wir das so hin, halten wir es für ergänzungsbedürftig oder für gefährlich, verwerfen wir es?), so verhilft uns die Dramatisierungskompetenz dazu, auch unsere eigene Art des Beob­achtens wieder beobachten zu können.

Kritisch, wohlgemerkt – nicht als narzisstische Selbstbespiegelung, sondern als Beobachtung zweiter Ordnung, wie Niklas Luhmann dies nannte: Wo stehe ich selbst, wenn ich et­was beobachte? Was sind die Bedingungen meiner Beobach­tungen? Welche dieser Bedingungen erkenne ich überhaupt und welche bleiben mir möglicherweise unbekannt? Wo liegen mei­ne blinden Flecken, also die Bereiche, die ich nicht beobachte? (Der klassische blinde Fleck ist immer der eigene Standpunkt.)

Die Beobachtung zweiter Ordnung ist – wie die Bildung selbst – ein Prozess ohne Ende. Jede Distanzierung von ei­nem vorigen Standpunkt braucht wieder einen Standpunkt, der abermals eine Distanzierung verträgt, und so weiter ad infinitum. Die Einsicht, dass jeder Standpunkt und damit auch jeder Wissensstand und Bildungsstand kontingent ist, bewahrt uns vor dem Beeindrucktsein.

»Wir brauchen Bildung, um uns nicht zuletzt von uns selbst distanzieren und uns von unseren eigenen Vor­urteilen lösen zu können.«

Und falls wir nun trotzdem beeindruckt sein wollen von Luhmann und Derrida, deren Denkbewegungen sich hier überschneiden, können wir an dieser Stelle zum Beispiel noch Friedrich Schlegel aus dem Bildungsfundus ziehen, der mit seinem Konzept der romantischen Ironie schon zu Humboldts Zeiten die gleiche Erkenntnis formulierte – und zwar auf eine ziemlich lässige, lächelnde, spielerische Weise.

Wir brauchen Bildung, um uns zurechtzufinden: im Wis­sen und im Nicht-Wissen; in dem, was wir gelernt haben und noch lernen; in dem, was Alexa uns sagen kann, und in dem, was unser bewegliches Denken auch weiterhin von den im­mer ausgefeilteren Denkoperationen der Maschinen unter­scheiden wird.

Wir brauchen Bildung, um fragen und hinterfragen zu können: um kritische Distanz einzunehmen zum Kanon, zum Habitus der Besserwisser auf allen institutionellen und infor­mellen Ebenen, aber auch zu unseren eigenen Annahmen und Antworten. Wir brauchen Bildung, um uns nicht zuletzt von uns selbst distanzieren und uns von unseren eigenen Vor­urteilen lösen zu können.

Wir brauchen Bildung, um uns selbst und anderen die Fähigkeit zum Staunen und die Freude an unserer natürlichen Neugier zu bewahren und, falls nötig, zurückzugewinnen. Und wir brauchen Bildung, um uns selbst bei alldem weiter­hin fragwürdig zu finden und nicht etwa aus- und eingebildet zu werden.