Corona, die Frauen und das Geld

von Henrike von Platen

Wer Gleichstellung will, braucht keine Sonntagsreden über die Systemrelevanz des Kranken- und Pflegepersonals, sondern Entgeltstrukturen mit System. Und Unternehmen, die auch soziale und emotionale »Skills« honorieren. Beispiele dafür gibt es längst zuhauf. Worauf also warten wir?

In diesen Wochen werden Karrieren gemacht, warnt Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel – unter Ausschluss der Frauen: Für sie bedeute »Homeoffice« vor allem home und wenig office. Top-Managerin Janina Kugel fürchtet, männerdominierte Unternehmen könnten die Coronapandemie als Ausrede benutzen für Rückschritte in puncto Diversität. Und die Soziologin Jutta Allmendinger prophezeit, die gegenwärtige Krise katapultiere uns in Sachen Gleichstellung drei Jahrzehnte zurück. 

Was ist von diesen Befürchtungen zu halten? Tatsache ist: Nur wenige Frauen können sich gerade als Expertinnen hervortun, denn viele von ihnen werden an anderer Stelle umso dringender gebraucht, für die Versorgung und Betreuung von Kranken und Kindern – dafür, dass »der Laden weiterläuft«. Sofern es sich dabei nicht um unbezahlte Care-Arbeit handelt, nennt man das »systemrelevant«. Was für ein unsäglicher Begriff! Denn gemeint sind vor allem Berufe, die im »Vor-Corona-System« gerade nicht relevant waren: Berufe, für die es kaum Anerkennung und wenig Geld gab.

 Nun treten sie also aus dem eher prekären als prestigeträchtigen Dunkel ins Licht, all die »Helden der Krise«, die vor allem Heldinnen sind: Gut drei Viertel des Personals in Krankenhäusern und im Einzelhandel sind weiblich. Und in den Kitas und Vorschulen liegt der Frauenanteil sogar bei mehr als 90 Prozent.

Kurzum: Neben den mehr oder weniger gut bezahlten, hoch angesehenen Ärztinnen und Ärzten, neben dem Personal in der Kindernotbetreuung, in der Verkehrs- und IT-Infrastruktur oder im Polizei- und Justizbetrieb gelten nun auch all jene Menschen als »systemrelevant«, die vor der Pandemie an Supermarktkassen oder als Reinigungskräfte unsichtbar blieben. Schließlich sind im aktuellen Krisenmodus auch all jene nicht mehr zu übersehen, die ihren »Dienst am Leben« verrichten, wie es jetzt gern pathosschwanger heißt: Dem Kranken- und Pflegepersonal wird nach italienischem Vorbild zum Dank auch zuweilen von deutschen Balkonen herab applaudiert.

Doch was heißt es, »systemrelevant« zu sein, in einem System, das vor der Pandemie vor allem Wirtschaftlichkeit wertschätzte? Was heißt es, relevant zu sein in einer Krise, in der es, wie in Krisen üblich, alles andere als systematisch zugeht? Und welche Schlüsse ziehen wir aus dem aktuellen Chaos für die Zeit nach der Pandemie?

Von »systemrelevanten« Berufen ist dabei nur im Deutschen die Rede. Im englischen Sprachraum sprich man von key professions und einer essential workforce, im Französischen von secteurs essentiels, im Spanischen von servicios esenciales, in Italien von lavori essenziali, wahlweise auch indispensabili. Unverzichtbar, genau das ist auch im Deutschen gemeint: Es handelt sich um lebensnotwendige Schlüsselberufe, auf die wir angewiesen sind, weil sie einen hohen Wert für uns Menschen besitzen: Sie sind »gesellschaftlich wertvoll«.

Die Coronakrise ist ein Brennglas, unter dem wir die Missstände des Vor-Corona-Systems deutlich sehen. Wir erkennen darunter aber auch, was wir in Zukunft besser machen können – in einem Nach-Corona-System, das diesen Namen verdient. Denn von einem »System« kann bisher keine Rede sein, besonders dann nicht, wenn es um die Bezahlung geht. In den meisten Branchen, Berufen und Unternehmen herrscht statt eines durchdachten Entgeltsystems, das Tätigkeiten neutral und klischeefrei bewertet, ein historisch gewachsenes Chaos.

Am besten bezahlt und am meisten befördert wird, wer am besten verhandelt und wem am meisten zugetraut wird – in der Regel sind das Männer. Systematisiert wurde ansatzweise im Tarifbereich, aber nicht grundsätzlich neu strukturiert, eher peu à peu verschlimmbessert: Entstanden ist ein Flickenteppich, dessen Unzulänglichkeiten mitsamt den Krisenhelden und -heldinnen erst jetzt ans Licht kommen.

Faire Bezahlung keine Frage von Gesetzen

Wer Gleichstellung will, braucht daher keine Sonntagsreden über Systemrelevanz, sondern Entgeltstrukturen mit System. Faire Bezahlung, über alle Branchen und Berufe hinweg, unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Religion, Familienstand oder sexueller Orientierung, ist keine Frage von Gesetzen, auch keine der Unternehmensgröße. Sondern eine Frage der Haltung.

Globale Konzerne wie Ikea oder Adobe machen längst vor, wie sich Chancengleichheit für alle Beschäftigten an allen Standorten weltweit umsetzen lässt – unabhängig von der dortigen Gesetzgebung oder Kultur. Deutsche Unternehmen wie die Messe Berlin oder die Berliner Wasserbetriebe haben ihre Entgeltstrukturen lange vor Corona systematisiert und sämtliche Tätigkeiten neu gruppiert: Erfasst werden nun auch typisch »weibliche«, also psychosoziale und emotionale »Skills«, die in den alten Tarifstrukturen teils überhaupt nicht berücksichtigt wurden.

Eine solche Analyse ließe sich auch gesamtgesellschaftlich durchführen: Mit dem »Comparable Worth Index« kann im Kleinen wie im Großen überprüft werden, ob gleichwertige Tätigkeiten auch gleich bezahlt werden. Der Index zeigt, dass in überwiegend von Frauen ausgeübten Berufen die Gehälter sogar sinken. So wird der »Dienst am Leben« im Gesundheitswesen und in der Pflege oft von Hilfskräften verrichtet – die medizinischen Hilfskräfte verdienen durchschnittlich 11,87 Euro brutto pro Stunde. Neun von zehn medizinischen Hilfskräften (89 Prozent) sind weiblich. In den viel besser bezahlten Ingenieurberufen dagegen arbeiten gerade einmal acht Prozent Frauen.

In vielen Familien ist es eine Frage der ökonomischen Vernunft, dass überwiegend Frauen die Betreuung übernehmen, wenn die Schulen und Kitas geschlossen sind: Wer weniger verdient, bleibt zu Hause. Und wer jetzt zu Hause bleibt, wird nach der Krise weniger verdienen. Das ist nichts Neues.

Applaus zahlt keine Miete

Neu ist die Offensichtlichkeit, mit der die Missstände zutage treten. Der Ausnahmezustand führt uns eindringlich vor Augen, wie wenig unser Wirtschaftssystem den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wenn wir all den Kassierern, Krankenpflegerinnen und Spargelstechern auch nach der Krise »Relevanz« zusprechen und nicht vergessen wollen, dass Applaus keine Miete zahlt, sollten wir jetzt überlegen, was wirklich relevant ist – und in welchem System wir uns künftig bewegen wollen.

Meinetwegen können wir auch weiterhin voller Pathos den »Dienst am Leben« bejubeln – solange wir endlich anfangen, auch über den schnöden Mammon, also eine angemessene Bezahlung zu sprechen: auf Bundesebene, auf Europaebene und idealerweise in globalem Kontext.

Noch idealererweise ließe sich dann auch gleich das bedingungslose Grundeinkommen einführen. Wir wissen nicht, wie die postpandemische Normalität aussehen wird. Aber wir wissen, dass sich nur die allerwenigsten Menschen aufs Sofa legen, wenn sie kein Geld mehr verdienen müssen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Menschen wollen arbeiten, sich weiterentwickeln, Ideen umsetzen.  Vor allem aber: für andere Menschen da sein. Das zeigen uns in diesen Wochen all jene, die sich Tag für Tag für andere einsetzen, trotz ihres geringen Prestiges, trotz ihrer miserablen Bezahlung. Was würde passieren, wenn wir diese Menschen auch noch fair bezahlten?

Ich verstehe die Befürchtungen vor einem Backlash. Doch wir haben es selbst in der Hand, etwas zu ändern: Geld ist der Schlüssel zur Gleichstellung. Wenn wir es wollen, sind die alten Rollenbilder, ist die vorgestrige Arbeitsteilung, sind all die überholten Gender-Klischees schneller Schnee von gestern als ein Coronaimpfstoff auf dem Markt.

Übrigens: Die bei einigen Männern noch verbreitete Unsitte, Kolleginnen in Meetings zu unterbrechen oder ihre Vorschläge laut zu wiederholen, um sie als eigene Einfälle auszugeben, nimmt in Zeiten der Videofonie stark ab. Jetzt und in absehbarer Zukunft ist es auch unmöglich, Geschäfte nach Dinosaurierart zu besiegeln, sich kerlig auf die Schulter zu klopfen oder womöglich gar gemeinsam im Bordell zu verschwinden.

Zugleich haben Länder wie Island, Neuseeland, Taiwan oder Deutschland nicht nur niedrige Covid-19-Infektionszahlen, sondern auch Frauen als Regierungschefinnen.

Eine gute Zeit, um ein paar Pflöcke einzuschlagen – gerne mit System.

Zuerst erschienen in WirtschaftsWoche, Nr. 21, 15. Mai 2020

Henrike von Platen, Unternehmensberaterin, Wirtschaftsinformatikerin und Betriebswirtschaftlerin, ist die führende Expertin zu den Themen Lohngerechtigkeit und Entgelttransparenz in Deutschland. Von 2010 bis 2016 war sie als Präsidentin der Business and Professional Women Germany Schirmherrin der Equal Pay Day-Kampagne und initiierte 2016 eine bundesweite Petition für Gleichheit auf dem Gehaltszettel. 2017 gründete sie in Berlin das Fair Pay Innovation Lab (FPI), das als Non-Profit-Organisation Wirtschaft und Politik bei der praktischen Umsetzung fairer Bezahlung unterstützt. Bei Nicolai erschien ihr Buch Über Geld spricht man. Der schnelle Weg zur Gleichstellung:

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