Gender als Reizbegriff

Gender als Reizbegriff

Auszug aus Jasmin Siri »Kampfzone Gender«, Seite 34–54

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Es ist also an der Zeit, sich mit den Angriffen auf Gen­der Studies und Geschlechterforschung genauer zu befassen. Im deutschen Kontext ist es besonders die Partei AfD, wel­che sich das »Anti-Gender«-Thema auf die Fahnen schreibt. Dabei ist das Thema durchaus ein internationales. Ausge­hend von Strategiedebatten im fundamentalistisch-kirchlichen Kontext wurde die »Anti-Gender«-Argumentation in den rechten Parteien Europas, Lateinamerikas und der USA aufgenommen. Sie wurde dabei auf die jeweilige nationale Befindlichkeit konservativer und rechter Lebenswelten ein­gerichtet, folgt dabei aber, wie zu zeigen sein wird, einer umfassenden Strategie. Nationalistische und traditionalistische Politikangebote nutzen »Gender« als Reizbegriff kulturkri­tischer Debatten. Gender wird dabei mit weiteren Themen wie zum Beispiel (Anti-)Political Correctness, Migration, Erziehung und Religion verquickt, was eine strukturierte Betrachtung und Auseinandersetzung mit diesen Politikangeboten noch komplizierter gestaltet. Dabei ist die Dis­kreditierung der Forschung oft nur ein Nebeneffekt des Angriffs auf Gleichheitspolitiken. Wie umfassend der poli­tische Zugriff auf Geschlecht und Familie sich in rechtspo­pulistischen und fundamental-christlichen Politikangebo­ten ausnimmt, darum wird es nun im Folgenden gehen.

Betrachten wir zum Einstieg die Entwicklung der Partei Alternative für Deutschland, so war das Gender-Thema in der Gründungsphase ein randständiges. Die junge AfD definierte sich vor allem über Wirtschafts- und Fiskalpolitik und über ihre Absage an den Euro. Ab Ende 2011 wurde der Kampf »ge­gen den Gender-Wahn« zunächst in Social-Media-Kampag­nen aufgegriffen. In dieser Phase standen sich innerhalb der Partei Liberalismus auf der einen und Traditionalismus auf der anderen Seite recht unversöhnlich gegenüber. Bei den mehrfachen Führungswechseln, die daraufhin folgten, wurde deutlich, dass stets das extremere, nationalistischere, chauvinistischere Angebot obsiegte. Mit dem Programm zur Bun­destagswahl 2017 fand Gender dann auch ernsthafte Berück­sichtigung in der Programmatik der Partei. Während in der jungen AfD durchaus noch libertäre oder mittig-konservative Stimmen zu den Themen Geschlechterverhältnisse, Homo­sexualität oder Familie zu hören waren, sind diese Stimmen inzwischen verstummt, oder die betreffenden Personen ha­ben die Partei verlassen.

Wie auch bei anderen Themen ist beim Gender-Thema eine Hinwendung der Partei zu extremeren Positionen ersichtlich, wie ein Blick in das Wahlprogramm von 2017 zeigt. Dort wird das Bild einer aussterbenden deutschen Bevölkerung gezeichnet, womit freilich nicht die Gesamtheit der in Deutschland lebenden Menschen gemeint ist, sondern die »angestammte Bevölkerung«: »Die dramatische Zunah­me der Ehe- und Kinderlosigkeit und das Verschwinden nor­maler mittelgroßer Familien – von den etablierten Parteien längst als alternativlos hingenommen – sorgen für eine Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung um mehr als 250.000 Personen pro Jahr, mit stark steigender Tendenz. Die AfD stemmt sich gegen diesen Trend zur Selbstabschaf­fung und will Deutschlands Gesellschaft von Grund auf fami­lien- und kinderfreundlicher gestalten.«

Die AfD fordert, den »Erhalt des Staatsvolkes« in das Grundgesetz aufzunehmen. Ausgehend vom Diktum der Be­völkerungspolitik organisieren sich die Sichtweisen auf ver­schiedene Politikfelder. So wird argumentiert, dass Abtrei­bungen durch den »lebensrettenden Ausweg der Adoption« zu verhindern seien. Die »Gender-Ideologie« sei verfas­sungsfeindlich, weil sie den Schutz von Ehe und Familie zugunsten weniger wünschenswerter Modelle wie dem Al­leinerziehen zurückstelle. Sätze wie der folgende sind dabei recht typisch für die AfD-Programmatik: »Die AfD möchte Alleinerziehenden helfen. Sie ist jedoch gegen jede finanzi­elle Unterstützung von Organisationen, die ›Einelternfami­lien‹ als normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswer­ten Lebensentwurf propagieren.«

Wie hier, so bleibt in der Programmatik der Partei oft un­klar, wer konkret als gesellschaftlicher Gegner einer Politik angesehen wird. Freilich gibt es Initiativen, Publikationen oder Blogs, die auf die Herausforderungen, vor die Allein­erziehende gestellt sind, hinweisen oder deren Recht auf gesellschaftliche Teilhabe stark machen. (Die Propagierung eines Lebensentwurfes aber findet sich bei einem ausführli­chen Blick in die Blogs über das Alleinerziehen eher nicht.) So ist beispielsweise das Armutsrisiko bei Familien mit einem Elternteil besonders hoch, ungefähr doppelt so hoch wie bei der gesamten Bevölkerung. Das Statistische Bundes­amt legte dar, dass im Jahre 2015 etwa ein Drittel aller Allein­erziehenden in Deutschland armutsgefährdet war, 40 Prozent der Alleinerziehenden waren 2011 auf staatliche Leistungen zur Grundsicherung angewiesen. Ist der Hinweis auf solche Fakten oder eine selbstbewusste Selbstdarstellung von Al­leinerziehenden bereits die Propagierung eines Lebensent­wurfs? In den allermeisten Fällen ist die soziale Situation der Einelternfamilie sicher kein Ergebnis politischer Planung. Der Verweis auf einen vermeintlich schlechten Lebensentwurf ergibt nur dann Sinn, wenn man die Situation der Alleinerzie­henden als Negativfolie gelungener Familie festschreiben möchte – beziehungsweise wenn man versucht, die Folgen ei­ner modernen, differenzierten Gesellschaft als politisch kri­tisierbare Entscheidung Einzelner politisch einzuhegen.

Das Programm der AfD entwirft sich nachgerade seine Gegnerschaft, was im Kapitel über die »Gender-Ideologie« noch deutlicher wird. Dort heißt es: »Die Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und stellt geschlechtliche Identität infrage. Sie will die klassische Familie als Lebensmodell und Rollen­bild abschaffen.« Dies stehe im Gegensatz zum Grundge­setz, weshalb auch die »Steuerverschwendung durch die Genderforschung« beendet werden solle: »Die ›Gender-For­schung‹ ist keine seriöse Wissenschaft, sondern folgt der ideologischen Vorgabe, dass das natürliche Geschlecht (Sex) und das soziale Geschlecht (Gender) voneinander völlig un­abhängig seien. Ziel ist letztlich die Abschaffung der natür­lichen Geschlechterpolarität. Bund und Länder dürfen keine Mittel für die ›Gender-Forschung‹ mehr bereitstellen und keine ›Gender-Professuren‹ mehr besetzen.«

Was in der Betrachtung des Programmes deutlich wird, ist einerseits eine konservative Idee von Ehe und Familie. Die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern wird ab­gelehnt, ebenso das Adoptionsrecht für diese Partnerschaf­ten. Alleinerziehen wird – da die »klassische Familie« als Leitbild im Sinne der Verfassung imaginiert wird – als nicht wünschenswert betrachtet. Andererseits – und dies scheint über eine konservative Idee der Familie deutlich hinauszu­gehen – wird eine kulturelle Gegnerschaft entworfen, die für den Zustand der Gesellschaft verantwortlich sei. Nicht die Moderne, neue Formen der Arbeitsteilung oder meinet­wegen auch der Kapitalismus sind demzufolge verantwort­lich für den »Sittenverfall«, sondern gesellschaftliche Grup­pen, die (abgesehen von »den Gender-Professuren«) nicht konkret benannt, aber umso deutlicher verurteilt werden. Dabei scheut man sich nicht, ganz eigene Deutungen in die Programmatik einzuarbeiten, wie jene, dass es der »Gen­der-Forschung« um die »Abschaffung der natürlichen Geschlechterpolarität« gehe. Der Aufbau einer Gegnerschaft, der eine Übermacht über Diskurse, politische Programme und Ziele der Erziehung zugerechnet wird, ist nach dem Populismusforscher Cas Mudde ein typisches Merkmal po­pulistischer Politiken.

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Die Unterscheidung, die es in das Programm der AfD ge­schafft hat, ist also gar nicht so eindeutig und wird – so Villa weiter – darüber hinaus in verschiedenen Fassungen disku­tiert. Populismus trifft auf Wissenschaft, Vereinfachung auf Komplexität – und vice versa. Und doch scheinen die Argu­mente der AfD zumindest in den Echokammern der neuen Konservativen und Völkischen zu reüssieren. Bemerkenswert hierbei ist, dass die AfD nicht die einzige politische Organi­sation ist, welche sich der »Warnung vor Gender« verschrie­ben hat. Die Parteiensysteme Europas erleben ein Revival rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien, die alle­samt nicht für einen besonders emanzipatorischen Umgang mit Geschlechterthemen bekannt sind. Dieses Revival wird oft mit der Aktivierung und Mobilisierung von gut gebildeten mittelalten Männern erklärt, denn diese machen (nicht nur in Deutschland) einen Großteil des Wählerpotenzials rechtspopu­listischer Parteien aus. Dieser Zusammenhang wird häufig mit soziodemografischen Effekten oder auch mit dem Hinweis auf geschlechtsspezifische Sozialisation erklärt. Zugleich ist die Ablehnung von Geschlechtergleichheit kein notwendiges Beiwerk der populistischen Agenda. Vielmehr scheint Gen­der, gerade im deutschen Sprachraum, ein Thema zu sein, welches Rechtspopulisten erst im Vorgang des Politikma­chens für sich entdeckt haben, nicht zuletzt weil das Thema neue Allianzen eröffnet hat.

»Der ›Gender-Wahn‹, die ›Gender-Mafia‹ und ›Feminazis‹ werden nicht nur, aber vor allem in der rechten Blogosphäre erörtert.«

Der »Gender-Wahn«, die »Gender-Mafia« und »Feminazis« (mit diesem Begriff sind öffentlich sichtbare und streitbare Feministen und Feministinnen bezeichnet) werden nicht nur, aber vor allem in der rechten Blogosphäre erörtert. Die Argumentationen reichen dabei von vereinfachenden und damit oft missverständlichen Wiedergaben wissenschaftlicher Theorien über religiös-politische Erörterungen an­hand christlicher Literatur bis hin zu der Verschwörungsthe­orie einer »Umerziehungsindustrie«, wahlweise gesteuert von sozialistischen Gruppen, Frauenbeauftragten, Juden oder auch Außerirdischen.

Was bedeutet es, dass der Hinweis auf die Naturalisierung der Geschlechterunterscheidung eine derartige Abwehr und politische Erregung zu erzeugen vermag? Wozu dient das Bild einer homogenen, ideologisch und politisch planvoll agierenden »Gender-Mafia«? Ist es ein rein strategisches Vor­gehen, weil das Gender-Argument ein Türöffner in konserva­tive Milieus darstellt? Oder steckt mehr dahinter? Die außer­irdisch-jüdisch-sozialistische Verschwörung zunächst außer Acht lassend, bleiben zwei Typen der »Anti-Gender«-Argu­mentation: die des missverständlichen oder verfälschten Zi­tierens von Gender Studies oder feministischer Literatur einerseits und die religiös-politische Argumentation andererseits.

Das erste Argumentationsmuster scheint eine strategi­sche Dimension politischer Kommunikation anzusprechen, es tritt in Kampagnenform und zur Konstruktion von Geg­nerschaften auf. Gender wird dabei als ein Thema verwendet, mit dem man in der konservativen Mitte zu punkten hofft. 

Das zweite Argumentationsmuster ist Resultat interna­tionaler Anstrengungen und entspringt einer neuen Selbst­ermächtigung und Relevanz fundamentalistischer Politiken, die stark mit kirchlicher und freikirchlicher Organisation zu­sammenhängen. Seit etwa fünfzehn Jahren lassen sich An­strengungen der sogenannten Lebensschutz-Bewegung und von Anti-Gleichstellungsaktivisten zur Internationalisierung und Professionalisierung beobachten. Um ein aktuelles Bei­spiel zu geben: Im Jahre 2013 trat die »Agenda Europe« erst­mals in Form eines Blogs in die Öffentlichkeit. Bei Agenda Europe handelt es sich um ein Netzwerk von Pro-Life-Akti­visten und Strategieberatern aus den USA und Europa, die zunächst vertraulich tagten. Ziel des Netzwerks ist die Aus­arbeitung erreichbarer Ziele von »Pro-Life Strategies«, zum Beispiel zur Erreichung von Anti-Abtreibungsgesetzgebung. Bereits erzielte Erfolge werden ausgewertet und auf ihre pragmatische Übertragbarkeit auf Gesetzesvorhaben in an­deren Nationen geprüft. Rechtskonservativen Akteuren wird Hilfe angeboten, sofern sie sich ebenfalls der Wiederherstel­lung einer »natürlichen Ordnung« verschreiben. Lobbyarbeit und die Unterstützung nationaler Politiken der fundamental­christlichen Rechten bilden den Mittelpunkt der politischen Arbeit der Agenda Europe.

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Es scheint jedoch, dass es neben dieser ernsten, organisierten und durchdachten Auseinandersetzung noch eine spielerische Variante der »Anti-Gender«-Bewegung gibt, auch wenn sie nicht in Gänze von ersterer zu trennen ist. Denn gerade am Beispiel der Partei AfD lässt sich zeigen, dass das Aufrufen des »Anti-Gender«-Narrativs auch Resultat einer Suchbewegung ist, die ganz pragmatisch ablief. Schon früh wurde das Thema »Gender-Wahn« in den sozialen Medien ge­testet und war dort recht erfolgreich, auch über die Kernklien­tel der Partei hinaus. Es war auch dazu geeignet, innerhalb der Partei Kommunikation anzuregen. Die Jugendorganisa­tion der Partei, die »Junge Alternative«, startete beispielswei­se eine Kampagne, in der Mitglieder – als Antwort auf eine Kampagne der Jusos in der SPD – auf Schildern formulierten, warum sie keine Feministen und Feministinnen sind. Die Fo­tos junger Menschen und ihrer Botschaften (Ich bin kein Fe­minist, weil …) wurden dann auf Facebook hochgeladen. Die Botschaften auf den Bildern waren ganz unterschiedlich. Es wurde über die Wertschätzung von Hausarbeit (eigentlich ein altes feministisches Thema) geschrieben, eine junge Frau for­mulierte ihre Ablehnung einer Frauenquote im Berufsleben, und ein junger Mann schrieb, dass er kein Feminist sei, weil er »wahre Weiblichkeit« schön finde. Antifeminismus ist also ein anschlussfähiger Trigger für Kommunikation im rechtspopulistischen Kontext. Es ist aber eher unwahrschein­lich, dass diese jungen Menschen oder auch andere, die den »Gender-Wahn« kritisieren, tatsächlich Verhütungsmittel verbieten und ihre Kinder von der Schule nehmen wollen. Es ist davon auszugehen, dass die »Anti-Gender«-Politik von manchen sehr ernst genommen wird, für andere wiederum eher eine Möglichkeit zur Abgrenzung und Provokation dar­stellt. 

»Gender ist ein immens wichtiges Thema für konservative Abwehrkämpfe gegen Aufklärung und Gleichstellung.«

Für ein diffuses Verhältnis zur christlich-fundamentalis­tischen Dogmatik spricht auch die eher geringe religiöse Bin­dung der meisten AfD-WählerInnen und AfD-Mitglieder. Es scheint so, dass hier eine Mischung von »echtem« christlichen Fundamentalismus und einem diffus-traditionalistischen Un­behagen an der modernen Gesellschaft vorliegt. Daraus re­sultiert auch die Artikulation eines konservativen Wider­stands gegen urbane, kosmopolitische Milieus und eines vermuteten »links-grünen Mainstreams«. Gender ist ein The­ma, über das sich – auch abseits des Fundamentalismus – die konservative Mitte mobilisieren lässt. Über die Lebenswelt der Menschen, die sich an solchen Kampagnen beteiligen, ist damit noch nichts ausgesagt. Vielmehr scheinen die Lebens­entwürfe etwa von AfD-Mitgliedern oft ebenso brüchig, mo­dern und vielfältig zu sein wie außerhalb des populistischen Milieus. So ist es in diesem Kontext einerseits möglich, po­litisch gegen homosexuelle Elternschaft zu sein, und ande­rerseits eine ebensolche zu leben, wie das Beispiel der AfD-Politikerin und Co-Vorsitzenden der Bundestagsfraktion ihrer Partei Alice Weidel zeigt.

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Gender ist ein immens wichtiges Thema für konservative Abwehrkämpfe gegen Aufklärung und Gleichstellung. Dabei wird immer wieder auf die religiöse Ebene zurückge­griffen: Die sogenannte natürliche Ordnung begründet sich aus einer gottgegebenen Ordnung. Säkularisierung, Rechts­staatlichkeit und der Gleichheitsgrundsatz werden als Teil einer schrankenlosen Kulturrevolution diskreditiert. Auch Wissenschaften stehen in der Kritik der Fundamentalisten. In Deutschland stehen aktuell Angriffe auf die Gender Studies im Vordergrund, in anderen Ländern werden auch diejenigen Naturwissenschaften, die evolutionstheoretische Annahmen formulieren, wie unter anderem Biologie und Humanmedi­zin, attackiert. Die Forderung lautet dabei stets: Definanzierung und Einstellung der Forschungstätigkeiten. Das stra­tegische Vorgehen dabei ist die stete Diskreditierung als »Ideologie« oder – so im Falle der Biologie in den Vereinigten Staaten – als »unchristlich«.

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»Anti-Gender«-Politiken sind für die politische Kom­munikation rechter, fundamentalistischer und illiberaler Parteien und Bewegungen in Europa gerade deshalb hoch re­levant, weil sich über sie Publika mit unterschiedlichen Ideologien finden und verbinden können. Die »dünne« Ideolo­gie des Populismus lässt sich eben nicht nur mit links- oder rechtsextremen Ideen, sondern auch mit radikalem Christen­tum anreichern. Ideologisch, strategisch und subversiv wird das Bild der »natürlichen Ordnung« dabei für unterschiedli­che Publika aufgearbeitet und unterschiedlich dargeboten. Dass diese Vielfalt der »Anti-Gender«-Politiken möglich und transportierbar wird, dafür spielen auch die veränderte Kommunikationsbedingungen in Massenmedien und die Plurali­sierung des Publikums mittels neuer, vor allem sozialer Me­dien eine maßgebliche Rolle. Mit diesen kommunikativen Voraussetzungen und Effekten beschäftigt sich das letzte Ka­pitel des Essays. Zuvor aber ein kleiner Break, ein Intermez­zo, in welchem ich mittels einer kurzen Erzählung über eine persönlich erlebte Szene versuchen will, möglichen Verände­rungen der Wahrnehmung von Wissenschaft in einem poli­tisch aufgeheizten Klima nachzuspüren – und den Blick zu wenden: weg von der AfD und dem christlichen Radikalis­mus, hin zu allgemeineren Betrachtungen der kommunikati­ven Arrangements einer sich verändernden Öffentlichkeit. Denn nicht nur die Rechtspopulisten, so wird das Beispiel zeigen, setzen wissenschaftlichen Beschreibungen und dem wissenschaftlichen Rollenverständnis aktuell zu.